Historischer Verein Landkreis Haßberge e. V.

Am 14. Januar 2005 wurde der Historische Verein Landkreis Haßberge e. V. gegründet. Der Verein hat seinen Sitz in Haßfurt und ist ein korporatives Mitglied im Frankenbund.


Nachrichtenarchiv


Erstes Heimatseminar in Eltmann am 4. März 2006

Am Samstag, dem 4. März 2006, veranstaltete der Historische Verein Landkreis Haßberge e.V. auf Einladung der Stadt Eltmann seine erste Tagung zur Heimatgeschichte in der Stadthalle Eltmann. Trotz winterlicher Straßenverhältnisse hatten sich 40 Teilnehmer eingefunden.








Bürgermeister Michael Ziegler, der mit seiner Stadt als erste Gemeinde dem Historischen Verein beigetreten ist, sah in seinem Grußwort den Verein auf einem modernen Weg. Er wies darauf hin, dass es nicht genügt, Geschichte zu haben. Man muss seine Geschichte auch kennen. Dass dem Historischen Verein Landkreis Haßberge an zeitgemäßer Aufarbeitung und Präsentation von Heimatgeschichte gelegen ist, zeigte sich nicht nur in der Benutzung der neuesten technischen Hilfsmittel vom Beamer bis zum Laptop bei der Präsentation, sondern auch im Zusammentreffen von Jung und Alt auf diesem ersten Heimatseminar.

Vorträge

Den ersten Vortrag hielt Diplom-Archivar (FH) Horst Gehringer vom Stadtarchiv München über die Nutzung des Internets bei historischen Forschungen und die Vernetzung von Kommunalarchiven. Er nannte u. a. viele interessante Internet-Adressen, unter denen Geschichtsinteressierte wertvolle Informationen aus dem Internet holen können, wie z. B. Zedlers Universallexikon des 18. Jahrhunderts, die Allgemeine Deutsche Biographie des 19. Jahrhunderts, Tabellen zur Umwandlung der bayerischen Maße von Grebenau, und verschiedene Historische Atlanten, die im Internet als PDF-Dateien bequem vom heimischen Sessel aus online und kostenfrei gelesen werden können. Diese Online-Lexika sind ein wichtiges Hilfsmittel für Heimatforscher, die immer wieder über heutzutage unbekannte Wörter stolpern, die in diesen alten Lexika, weil damals zum Alltag gehörend, ausführlich erläutert sind.

Bereits bei der Eröffnung hatte der 1. Vorsitzende Dr. Stephan Diller betont, dass der Historische Verein im vergangenen Jahr intensiv mit dem Regiomontanus Gymnasium und der Staatlichen Realschule Haßfurt zusammengearbeitet hat. So konnten im Rahmen der Tagung erstmals vier Kollegiat(inn)en Facharbeiten mit Themen zur Heimatgeschichte des Landkreises Haßberge vorstellen, die von Mitgliedern des Historischen Vereins betreut worden sind. Bevor die vier Abiturient(inn)en ihre Facharbeiten vorstellten, bedankte sich Studiendirektor Herbert Brütting bei Dr. Stephan Diller, der die Kooperation mit dem Gymnasium vorangetrieben hatte, und versprach, diese Zusammenarbeit mit dem Historischen Verein zu vertiefen. Im Anschluss daran trugen die Kollegiat(inn)en Volker Säger, Anna Pöpperl, Katharina Haßfurter und Johannes Volk des Leistungskurses Sozialkunde/Geschichte über ihre Facharbeiten vor.

Die Facharbeit Volker Sägers beschäftigt sich mit den Folgen und Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf die Stadt Haßfurt. Seine Arbeit spannt sich von der anfänglichen Kriegsbegeisterung, über die ersten Erfolge, zu denen es immer schulfrei gab, über die Stagnation des Krieges an der Westfront, bis hin zur Lebensmittelknappheit und der bitteren Niederlage. So sammelten z. B. die Haßfurter in ihrer Not Laub als Futterersatz für die Tiere und pressten Bucheckern und Obstkerne, um etwas Öl zu gewinnen, das besonders knapp war.

Anna Pöpperl referierte über das Haßfurter Gymnasium in der Zeit des Nationalsozialismus. Ihre Arbeit umfasst die Entstehung und Entwicklung des Haßfurter Gymnasiums bis 1933, Hitlers Machtergreifung und die Auswirkungen auf das Schulsystem und beleuchtet die Situation der Schüler und Lehrer vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Dabei konnte sie auf Erinnerungen des damaligen Schülers Franz Reuter zurückgreifen. Besonders eindrucksvoll schilderte sie, wie sich die nationalsozialistische Ideologie in den Unterrichtsinhalten niederschlug und besonders in den Fächern Deutsch und Sport deutlich wurde. Neben neuen Fächern, wie Rassenkunde, wurden z. B. im Sport Boxen, Geländeschulung und Kleinkaliberschießen eingeführt. Der Musiklehrer musste Marschlieder einstudieren und in der Mathematik lernten die Schüler die Entfernungs- und Höhenmessung.

Katharina Haßfurter hatte sich den Haßfurter Bürger Gottfried Hart zum Thema ihrer Facharbeit gewählt, bei der sie Landrat a. D. und Vereinsmitglied Dr. Walter Keller tatkräftig unterstützt hatte. Er hatte u. a. Kontakte geknüpft, so dass Katharina Haßfurter auf viele Zeitzeugen zurückgreifen konnte. In ihrer Arbeit stellt sie Gottfried Hart auch als Privatmann und Unternehmer vor, erzählte im Seminar aber schwerpunktmäßig über den Bürgermeister Gottfried Hart, der als erster Bürgermeister Haßfurts nach dem 2. Weltkrieg sich vor allem mit dem Wiederaufbau der am 11. April 1945 zerstörten Mainbrücke, der Unterbringung der Flüchtlinge, der Ernährung und Grundversorgung der Bevölkerung und dem wirtschaftlichen Wiederaufbau befassen musste. In seiner Funktion konnte er nicht eigenständig vorgehen, sondern musste täglich Rücksprache mit der Militärregierung halten. Vor allem die Unterbringung der Flüchtlinge bereitete ihm große Schwierigkeiten, und Gottfried Hart verhielt sich hierbei vorbildlich: 35 Personen lebten zeitweilig in seinem Haus getreu dem damals geltenden Gesetz, dass jeder Mensch Recht auf drei Quadratmeter Wohnraum hatte. Doch die Menschen dankten ihm sein Engagement nicht. Erstmals am 2. Dezember 1946 kamen erste Gerüchte über eine Anklage bei der Spruchkammer auf, vier Tage später wurde sein Vermögen beschlagnahmt und im Februar 1947 wurde Gottfried Hart aus dem Bürgermeisteramt entlassen. Außerdem lag die Beweispflicht beim Angeklagten, er musste seine Unschuld belegen. Obwohl sich die Anklage in Luft auflöste und man Gottfried Hart im September 1947 von allen erhobenen Vorwürfen frei sprach, wurde er bei den Neuwahlen nicht in das Bürgermeisteramt gewählt.

Johannes Volk aus Happertshausen berichtete von der eindrucksvollen Geschichte eines alten Gebäudes, nämlich der Bud’n in Happertshausen. Die ältere Geschichte der „Bud’n“ erarbeitete er sich aus den Archiven, die jüngere Geschichte aus Interviews und Zeitzeugenbefragungen. Gebaut wurde die „Bud’n“ im Jahr 1870 als Gemeinde- und Rathaus. 1875 wurde das Gebäude durch Eingliederung der Dorfschule aufgewertet. Doch getreu dem Motto „Zeit lässt steigen Dich und stürzen“ folgte für das Haus im Jahr 1910 ein herber Rückschlag, als eine neue Schule gebaut wurde. In den folgenden Jahren wurde das Gebäude wenig genutzt, dann zunächst als Wohnung für Kriegsgefangene, und nach dem 2. Weltkrieg als Notunterkunft für Flüchtlinge, dann als Mietwohnung genutzt, bis es im Jahr 1963 zum Vereinsheim der neu gegründeten DJK Happertshausen wurde. Nachdem es einige Jahre leer gestanden hatte, wurde das Gebäude 1985 zum Jugendhaus. Von da an ging es mit der „Bud’n“ wieder bergauf und heute steht in Happertshausen die „Bud’n“ nicht für ein verfallendes Haus, sondern für gute Jugendarbeit und Zusammenhalt des Dorfes. Wer es nicht glaubt, sollte einmal nach Happertshausen fahren und sich das schmucke Fachwerkhaus anschauen.

Ein düsteres Kapitel der europäischen Geschichte hatte sich die Klasse 10b der Staatlichen Realschule Haßfurt ausgewählt. Sie entwickelte vier Vorträge über die Diktatoren Franco (Spanien), Hitler (Deutschland), Mussolini (Italien) und Salasar (Portugal). In einer geschliffenen Powerpoint-Präsentation stellten die von Realschullehrerein Leman Uysal begleiteten Schüler Karina Zink, Susanna Storch, Tamara Derwanz und Willi Geuppert den italienischen Faschismus unter Benito Mussolini vor.

Nach der Mittagspause erläuterte der Archäologe Michael Jandejsek M. A. archäologische Funde, die der Hobbyarchäologe Ernst Lauerbach aus Hofheim in den Jahren 1968 bis 1978 auf dem heutigen Gelände der neuen Waldi Schuhfabrik am Sterzelbach in Haßfurt aufgelesen hatte. Diese Lesefunde übergab Ernst Lauerbach dem Historischen Verein Landkreis Haßberge, der sie vom selbständigen Archäologen und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, Michael Jandejsek, begutachten ließ. Die ältesten Funde konnte Jandejsek der Zeit der Linearbandkeramik zuordnen. Damit stammen diese Siedlungsspuren aus der Zeit von 5.500 bis 5.000 vor Christi Geburt. Ganz deutlich sind auf den Scherben die typischen bandförmigen Verzierungselemente zu erkennen, die der Zeit ihren Namen gab. Aus derselben Zeit stammen die Scheibenkeulen- und Steinkeulenfragmente, mit denen man damals das Holz bearbeitete. Aus der Zeit der Michelsberger Kultur, von 4.300 bis 3.500 vor Christi Geburt, stammen gefundene Randscherben mit Arkadenzier und Wandscherben mit rauher Oberfläche. Ein Pfeilschaftglätter, also ein Stein, an dem man den Pfeilschaft glatt rieb, konnte Jandejsek dem Spät- bis Endneolithikum, also der Zeit zwischen 3.000 bis 2.000 vor Christus, zuordnen. Bruchstücke von Passbechern und Trinkbechern mit Standring weisen auf die Zeit des Mittelalters im 14. und 15. Jahrhundert hin. Alle Funde belegen wieder einmal die kontinuierliche Besiedelung des Haßfurter Großraumes seit ältesten Zeiten bis in die heutige Zeit. Die Funde des Ernst Lauerbach befinden sich zur Zeit im Besitz des Historischen Vereins Landkreis Haßberge. Aber der fleißige Heimatforscher und Hobbyarchäologe könnte dem Verein und damit der historischen Auswertung noch weitere Fundstücke überlassen, wenn der Historische Verein über entsprechende Räumlichkeiten verfügen würde. So gehen die wertvollen Funde den üblichen Gang nach München, wo sie ohne historische Analyse in großen Depots aufbewahrt werden, und der Vergessenheit entgegen dämmern.

Der letzte Vortrag des Heimatseminars befasste sich mit der Flurnamenkartierung des gesamten Landkreises Haßberge, die der Historische Verein in Angriff nehmen wird, da die Überlieferung und Zuordnung der einzelnen Flurnamen heute nur noch den älteren Bewohnern unserer Gemeinden bekannt sind. Der Sprachwissenschaftler und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats Joachim Andraschke M. A. wies auf die Bedeutung der Flurnamen als wertvolles Kulturgut hin. Die Gewann- und Flurnamen geben wertvolle Hinweise auf die Besiedlungsgeschichte unseres Landkreises, sie helfen bei der Ortsnamen und Wüstungsforschung, und sollen daher in einem Sammelband zusammengefasst und wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Vorarbeiten zu diesem Projekt liegen bereits für Eschenau und für Wonfurt vor. Hier sieht sich der Historische Verein wieder mit seiner zentralen Aufgabe konfrontiert, die Geschichte unseres Landkreises aufzuarbeiten.

Zum Abschluss der Tagung führte Vereinsmitglied Willi Lediger interessierte Tagungsteilnehmer durch die Stadt Eltmann und das Eltmanner Heimatmuseum. wobei er von Frau Inge Schad, der 1. Vorsitzenden des Heimatvereins Eltmann, unterstützt wurde.Dass Heimatgeschichte von allen Generationen mit viel Freude und Elan betrieben werden kann und die dabei erzielten Ergebnisse nicht unbedingt in trockener Form präsentiert werden müssen, zeigte dieses erste Heimatseminar des Historischen Vereins, das im nächsten Jahr am selben Ort wieder stattfinden soll. Wie immer sind dazu alle Interessierten herzlich eingeladen.

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